glitzer ist keine einladung!

[Inhaltswarnung: Beschreibung von körperlichen Übergriffsituationen]

Vorweg: Ich [Ergänzung: – verortet als cis*-Frau* -] habe das Privileg, auf der Straße und in meinem Alltag kaum körperlichen Übergriffigkeiten ausgesetzt zu sein. Nicht sonderlich überraschend, passe ich in den weiß-deutschen Idealbrei und werde wahrscheinlich häufig als irgendwie unauffällig maskulin wahrgenommen (oder eben gerade _nicht_ wahrgenommen). Außerdem kann ich mich meistens auf gewohnten und sichereren Trampelpfaden bewegen.

* * * * * * * * * * * * *

Ich. hab. es. so. satt.

Das war jetzt der dritte Übergriff auf einer homo_queer Veranstaltung innerhalb weniger Monate.

Jedes Mal weiße Maskulinitäten, meistens Cis-Männer und – ich nehme an – sich als schwul verortend.

Ich wage hier deshalb mal einen Rückblick und spanne einen roten Faden:

Vor über einem Jahr auf der Mis-Shapes Party (HH) (die im Untertitel schon vorweg nimmt: „schwul. lesbisch. scheißegal.“):
Ich tanze mit eine_r/m Freund_In auf der Tanzfläche, als von hinten an meinem Hosenträger gezogen wird, um ihn kurz darauf zurückschnalzen zu lassen. Ein Typ. Kommt schon angetrunken rüber. Lächelt mich süffisant an, als ich mich umdrehe und ihn verständnislos anschaue. Ich drehe mich weg, tanze weiter und kommuniziere mit meiner Begleitung kurz (weil laute Musik), was das für ne komische Aktion war. […]

Dieses Jahr auf dem transgenialen CSD (tCSD) in Berlin. Die Demo bleibt am Kotti zu einer Zwischenkundgebung lange stehen. Außerhalb meines Blickbereichs tritt eine (so meine Lesart) cis-männliche Person in Fummel an mich heran berührt mich an der Schulter, labert mich an und macht mir Komplimente. Person wirkt angetrunken. Ich wende mich wieder ab. Kurz darauf kommt die Person wieder – wieder so, dass ich sie vorher nicht sehe und drückt mir nen Kuss auf die Backe und erklärt, dass sie mich „trotzdem“ möge. Ich weise verärgert fuchtelnd darauf hin, wo gerade meine Grenze liegt und sie eben deutlich überschritten wurde.
Demo bewegt sich danach noch ewig nicht weiter. Ich bereue kurz darauf, keine Wechselkleidung mitgenommen zu haben. Fand aber die Perspektive beruhigend, dass es zur Not extra eingerichtete Schutzräume in der Nähe gegeben hätte.
Meine Bezugsgruppe dachte, ich hätte die Person gekannt. […]

Bei Wigstöckel (Berlin) im SO 36 vor ein paar Wochen im Backstage-Bereich im Aufenthaltsraum kommt ein_e Performer_In im Kostüm von hinten an und fährt mit einem stabähnlichem Gegenstand mein Bein an der Innenseite ein Stück hoch. Sollte wohl lustig anzüglich sein.
Ich konnte die Person leider nicht durch ihr Kostüm direkt ansehen. Meine Reaktion war eher so überrumpelt „ähhhhhhh!!!!????“
Von den mit bekannten und vertrauten Personen, die im Raum waren, weiß ich gar nicht, ob und wie diese Situation wahrgenommen wurde. […]

[Hier schonmal der Randverweis, weil eine frische Erkenntnis von mir: Awareness-Konzepte sollten wirklich auch für Backstage-Bereiche mitgedacht werden!]

Und schließlich letztes Wochenende auf der LSF-Soli-Party im Fundbureau (HH):
Noch während des Sookee-Konzerts (hach!) mit Mackern geschimpft und aufgepustet vor Empowerment einen Zentimeter übern Boden schwebend, wurde ich von einem Typen in bekannt-koketter Art wieder auf den bierversifften und scherbenreichen Boden der Party-Realität zurückgeholt:
Wieder kam der Typ einfach aus meinem Sicht-Off an und fährt mir mit ausgestrecktem Finger über meine rechte Schläfe (In mein Gesicht!), auf der sich Glitzer befand, um davon etwas auf seinem Finger zu haben. Kurze süffisante Performance seinerseits folgte. Ich lächel ihn verwirrt an. […]
Die Situation ist beendet. Irgendwie. Und ich bin verletzt und fassungslos, denn…schon wieder!…verdammt! Ich bin es so leid!

Ich hab mal ein paar Gemeinsamkeiten der Situationen gesammelt. Vielleicht hilft es ja anderen und Zeug_Innen ähnliche Situationen einzuordnen oder kritischer einzuschätzen:

Es sind Personen, die aus ähnlichen Gründen wie ich an diesem Ort waren.

Sie starten ihre Aktionen immer(!) aus dem Off-Bereich meines Sicht-/Wahrnehmungsfeldes.

Ich hatte meistens keinen Blickkontakt oder auch nur irgendeine Interaktion vorher mit diesen (mir fast immer unbekannten) Personen.

Ich nehme sie oft als betrunken wahr.

Solche Aktionen werden vom eigenen Umfeld immer als viel harmloser wahrgenommen oder als vertrautes Interagieren fehlinterpretiert.

Die Personen verbleiben immer mit mir im Raum…und ich mit ihnen. Bei mir teils aus Trotz (ich will mich nicht vertreiben lassen), teils aus Schock.

Immer waren Bezugspersonen, sowie weitere Menschen anwesend.

Keine der übergriffigen Personen hat sich danach dafür entschuldigt.


Nun noch etwas weiter verallgemeinert (bewusst verkürzt formuliert):

Übergriffe finden nicht nur in beklemmenden Zweiersituationen statt – AUCH in der Öffentlichkeit – AUCH in Schutzräumen – AUCH in Anwesenheit von Liebsten und Freund_inn_en.

Schwule Kultur und schwule Räume scheinen sowohl durch fehlende Auseinandersetzung mit Sexismus, als auch mit Konsens und individuellen Grenzen zu glänzen.

Queer scheint als Grundkonsens missverstanden zu werden, durch das ironisch-anzügliche Aktionen (auch ohne Konsens) legitimiert werden.

Zurück zum Anfang und immer wieder von vorne:

Solche Erlebnisse sind für mich als Überlebende von Gewalt ne heftige Sache, mit der ich häufig erstmal alleine dealen kann, weil das innere Chaos und/oder der Schock so schlecht zu der Umgebung und der Stimmung des jeweiligen Raumes passen. Oder weil es lange dauert, bis Gefühle und Verstand klarbekommen haben, was da gerade passiert ist.

Ende. Keine Pointe(n). Keine Lösung(en). Nur wachsende Wut.

Und weil es so gut passt (Video): Sookee – Aua (Lyrics hier nachlesbar)


10 Antworten auf “glitzer ist keine einladung!”


  1. 1 magda 19. Oktober 2012 um 8:57 Uhr

    ui mensch, so hintereinander aufgeschrieben wird da wirklich nen system draus. danke, dass du das noch mal eingeordnet hast.

    das schärft auch noch mal die aufmerksamkeit für die nächsten partys: besser auf die eigenen freund_innen achten, blickkontakt haben, wenn vermeintlich unbekannte menschen sehr, sehr nah kommen, lieber einmal mehr nachfragen, ob alles groovy ist. ich hab sowas öfter versäumt und dann im nachgang sehr bereut. vielleicht auch vornherein kleine zeichen ausmachen, die sagen: „ahhh, komische situation, fühl mich überfordert, bitte hilf mir.“ – auch wenn das in einer partysituation teils echt schwierig sein kann. ich denke weiter.

  2. 2 Maj 19. Oktober 2012 um 12:58 Uhr

    Dieses nie gefeit sein vor Übergriffen und sei der Raum angeblich noch so sicher – das kommt mir reichlich bekannt vor. Ich versuche, mir mehr und mehr Zusammenhänge zu erarbeiten, in denen diese Problematik bewusst angegangen wird. Ein Versuch. Immerhin.
    Passend dazu ist mir folgendes eingefallen.

  3. 3 Leah 19. Oktober 2012 um 13:33 Uhr

    danke für deinen text.
    ich hab mich schon in vielen solcher situationen befunden und ich habe schon viele solcher situationen nicht schnell genug erfasst und nicht [schnell genug] interveniert oder wusste nicht was ich tun soll.

    ich schließe mich da zunächst magda an, immer lieber einmal mehr nachzufragen, auch wenns scheinbar vertraut wirkt / bei scheinbar vertrauten interaktionen genauer hinzuschauen.

    vielleicht wäre es auch gut, nach einer solchen situation zu versuchen, zusammen den raum erstmal zu verlassen. und sei es nur um luft holen zu können und runterzukommen.

    ich weiß leider auch aus erfahrung/en dass ich mich -wie du ja auch schreibst- in solchen situationen sehr schlecht artikulieren kann und vor allem manchmal nicht weiß, was ich brauche.

    vielleicht wäre hier eine idee, sich mit nahe stehenden personen vorher – also ganz allgemein – mehr abzusprechen.
    wie reagieren -wir- jeweils in solchen situationen, was wünschen -wir- uns von anderen in solchen situationen?

    dann kann vielleicht eher eine awareness von vorneherein entstehen und wachsen. denn in direkten situationen spontan (weil ohne übung, weil meist ohnmächtig) zu intervenieren so schwer ist.

  4. 4 femmeinista 19. Oktober 2012 um 15:08 Uhr

    Oh je! :/ Schade, dass dir so was passiert ist, leider es kommt bei viele zu häufig vor.

    Bei mir hat es lange gedauert bis ich raus aus der Schock kam und was sagen könnte (ja, Jahre südamerikanische Sozialisierung :( ) Jetzt es ist mir völlig egal ob Leute denken, dass meine Reaktionen übertrieben sind, ich werde einfach laut.

    Ich muss trotzdem sagen es klappt nicht immer, weil auch wenn ich weiß dass ich Recht habe, ich analysiere die Situation trotzdem und wenn der/die*jenige zum Beispiel riesig groß oder gefährlich vorkommt überlege ich es mir zweimal bevor ich was doch mache. Deswegen finde ich die Idee mit dem Absprechen gut, dann ist mensch nicht völlig allein in so eine Situation.

  5. 5 Gernot 20. Oktober 2012 um 10:41 Uhr

    Annäherungsaktionen aus dem Off finde ich i.d.R. auch sehr ätzend, und das, obgleich ich kein Gewaltbetroffener bin. Wäre ich ein Gewaltbetroffener, würde ich in solchen Situationen das Gefühl haben, beinahe durchzudrehen, Wut, Irritation. Ich weiß nicht ob es für dich hilfreich ist, aber ich habe für solche Grenzüberschreitungen immer ein „Verpiss dich!“ oder „Zieh Leine!“ auf den Lippen, und stoße/schubse mitunter dann Leute leicht zurück. Je nach Ausprägung kann das bis zur Backpfeife gehen. Mir gibt das ein gutes Stück weit das Gefühl von Kontrolle zurück.

  6. 6 tutnurso 20. Oktober 2012 um 16:36 Uhr

    [***hier habe ich einen Kommentar nicht veröffentlicht, der sich pauschalisierend und relativierend zu Umgangsweisen auf queer(en )Parties äußert***

    Was unter „queere Parties“ läuft, ordnen Personen sehr unterschiedlich ein.

    Und Selbstverständlichkeiten, die Konsens und Respektieren von Grenzen abwerten oder ignorieren, werde ich nicht anerkennen sondern aufdecken, wo sie mir bewusst werden.

    Für die_den Autor_In des Kommentars hatten ebendiese Selbstverständlichkeiten leider als Konsequenz, solche Parties zu meiden.]

  7. 7 tutnurso 20. Oktober 2012 um 17:17 Uhr

    Hui! Vielen lieben Dank für all eure Reaktionen und geteilten Gedanken, welche Umgangsstrategien ihr verfolgt oder vorschlagt!

    Ich teile die Einschätzung von Leah mit dem Song von Maj im Hintergrund, dass ein Austausch über solche Situationen jenseits von ebendiesen wichtig ist, um ein Gefühl füreinander entwickeln zu können, auf das dann in entsprechenden Situationen gebaut/vertraut werden kann.
    Oder, wie magda meinte, in das saure Äpfelchen beißen lernen und ggf. einen verständlislosen Blick ernten auf die Frage, ob sich eine Person gerade wohl mit einer Situation fühlt.

    Und auch bei mir (@ femmeinista & Gernot) läuft es darauf hinaus, GRRRRRRRRen zu üben und als schnelle Reaktion greifbarer zu haben.

    Neben dem Sensibilisieren innerhalb meiner Bezugsgrüppchen und dem Selbst-Empowern, möchte ich aber auch nicht die Veranstaltenden und die Veranstaltungsräume und „Szenen“ von Verantwortlichkeiten ausklammern…

  8. 8 Tori 29. Oktober 2012 um 13:58 Uhr

    Erstmal will ich sagen, dass mir das sehr leid tut! Und dass ich hoffe, dass Du trotzdem in Zukunft noch Spaß in queeren Räumen haben kannst – egal in welcher Kostümierung und in welchem Kontext.
    Der TExt hat mich ziemlich nachdenklich gemacht. Leider treten derartige Situationen so häufig auf, dass ich (Cis Frau, weiß, unauffällig) sie kaum mehr wahrnehme. Das liegt zum einen daran, dass ich keine Gewaltbetroffene bin. Aber zum anderen ist mein wenig-Wahrnehmen auch ein klarer Indikator dafür, dass diese Übergriffe so alltäglich sind, dass sie nach und nach Selbstbild verändert haben- steter Tropfen höhlt den Stein eben.

    Die Idee mit dem „sich vorher mit vertrauten Menschen auf Zeichen einigen die eine ungute Situation darstellen“ gefällt mir, da eine solche interne Absprache einen wohl bestmöglich auf derartige Fälle vorbereitet bzw. zumindest das Gefühl gibt, einen Plan B zu haben. Trotzdem denke ich, dass eine solche Situation oft so schnell und unverhersehbar abläuft, dass man es gar nicht schafft, sie rechtzeitig emotional zu begreifen, geschweige denn in irgendeiner gerichteten Art und Weise zu reagieren.
    Am Ende neigt man dazu, sein eigenes Verhalten aus unzulänglich zu betrachten bzw. ärgert sich eventuell noch mehr als ohne vorher aufgespannte Möglichkeit, nicht wie vorgenommen reagiert zu haben.

    Vielleicht sollte man sich überlegen, wie man bzw. das Umfeld mit einer Person umgeht, die bereits die Grenzen überschritten hat – es muss doch noch eine bessere Lösung geben, als im selben Raum aus Schock oder Trotz ausharren zu müssen, ohne das der/die Grenzüberschreitender_in die Konsequenzen tragen muss.
    Wahrscheinlich ist der Person überhaupt nicht bewusst, wie schlimm sich dies für den/die Betroffene_nanfühlen kann bzw. sicherlich ist weiß sie nicht, wo Ihre Grenzen sind, deshalb wäre ein Hinweis eine gute Strategie die einem auch ein wenig aus der Ohnmachtssituation hinauskatapultieren könnte – wenn es nicht so verdammt schwierig wäre, im Nachhinein nochmal auf die Person zuzugehen und womöglich sogar als „Spaßbremse“ mit einer brüsken Reaktion abgefertigt zu werden und somit eine weitere unangenehme Situation verdauen zu müssen.

    Ich meine damit jetzt nicht, dass die betroffende Person in der „Erziehungspflicht“ ist – dies ist sicherlich ein Problem das nicht auf die Einzelperson abwgewälzt werden darf (da sind ganz klar die Veranstaltenden gefragt) – aber trotzdem sollte es doch Möglichkeiten geben, die Situation dann nachträglich so „angenehm“ wie möglich zu gestalten – mit einer übergriffigen Person im selben Raum zu verharren gehört zumindest nicht dazu.

    Deshalb wären Ansprechpartner_innen von Seiten der Veranstaltung hilfreich, die diese Aufgabe übernehmen könnten. Diese müssten geschult sein, um den Betroffenen durch Inkompetenz nicht noch mehr Steine in den Weg zu legen.
    Es sollte generell in queeren Räumen von „offizieller“ Seite verstärkt ein Awareness Konzept gefahren werden – einfach, um die Last von den Schultern der einzelnen zu nehmen, damit diese sich eben vor einer Party usw. nicht wie vor einer „Schlacht“ gegen alle Eventualitäten Wappnen müssen, sondern einigermaßen entspannt sein können. Die Frage ist nur, inwiefern dies umgesetzt werden kann. Vielleicht wäre das ein Thema für Euren Podcast, da ein Brainstorming zu machen was möglich und notwendig ist (und wie man dies an die Veranstaltenden herantragen kann) und auch bereits vorhandene Awareness-Konzepte kritisch zu durchleuchten?!

    Liebe Grüße,
    Tori

  9. 9 Heng 16. Mai 2013 um 17:50 Uhr

    Ich hab mich in den Beschreibungen der Situationen ein Stück weit selber finden können. Mir sind solche Übergriffe in ähnlichen Kontexten auch passiert, ich fand es jedes Mal schwer, damit umzugehen und habe selten tatsächlich den Mund aufbekommen.
    Besonders die Aussage, dass das Queersein nicht als gemeinsamer Kontext gelesen werden sollte, hat mich zum Nachdenken gebracht. Es mag sein, dass solche Annäherungen unter dem Schein „Ich bin sowieso schwul und habe kein Interesse an dir als Cisfrau“ als in Ordnung befunden werden und nicht weiter hinterfragt werden. Selbst, wenn sie nicht sexuell gemeint sind, bedeutet es ja nicht, dass für mich keine Grenze überschritten wird. Wenn ich an gewissen Punkten von gewissen Personen nicht berührt werden möchte, dann hängt das nicht damit zusammen, dass ich „prüde“ oder „steif“ bin, sondern, dass ich mich einfach unwohl fühle und das Recht habe, über meinen eigenen Körper zu bestimmen.

  1. 1 Mädchenmannschaft » Blog Archive » Viel Kackscheiße, aber noch mehr berechtigte Wut – die Blogschau Pingback am 20. Oktober 2012 um 8:01 Uhr
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