Archiv für Oktober 2012

glitzer ist keine einladung!

[Inhaltswarnung: Beschreibung von körperlichen Übergriffsituationen]

Vorweg: Ich [Ergänzung: – verortet als cis*-Frau* -] habe das Privileg, auf der Straße und in meinem Alltag kaum körperlichen Übergriffigkeiten ausgesetzt zu sein. Nicht sonderlich überraschend, passe ich in den weiß-deutschen Idealbrei und werde wahrscheinlich häufig als irgendwie unauffällig maskulin wahrgenommen (oder eben gerade _nicht_ wahrgenommen). Außerdem kann ich mich meistens auf gewohnten und sichereren Trampelpfaden bewegen.

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Ich. hab. es. so. satt.

Das war jetzt der dritte Übergriff auf einer homo_queer Veranstaltung innerhalb weniger Monate.

Jedes Mal weiße Maskulinitäten, meistens Cis-Männer und – ich nehme an – sich als schwul verortend.

Ich wage hier deshalb mal einen Rückblick und spanne einen roten Faden:

Vor über einem Jahr auf der Mis-Shapes Party (HH) (die im Untertitel schon vorweg nimmt: „schwul. lesbisch. scheißegal.“):
Ich tanze mit eine_r/m Freund_In auf der Tanzfläche, als von hinten an meinem Hosenträger gezogen wird, um ihn kurz darauf zurückschnalzen zu lassen. Ein Typ. Kommt schon angetrunken rüber. Lächelt mich süffisant an, als ich mich umdrehe und ihn verständnislos anschaue. Ich drehe mich weg, tanze weiter und kommuniziere mit meiner Begleitung kurz (weil laute Musik), was das für ne komische Aktion war. […]

Dieses Jahr auf dem transgenialen CSD (tCSD) in Berlin. Die Demo bleibt am Kotti zu einer Zwischenkundgebung lange stehen. Außerhalb meines Blickbereichs tritt eine (so meine Lesart) cis-männliche Person in Fummel an mich heran berührt mich an der Schulter, labert mich an und macht mir Komplimente. Person wirkt angetrunken. Ich wende mich wieder ab. Kurz darauf kommt die Person wieder – wieder so, dass ich sie vorher nicht sehe und drückt mir nen Kuss auf die Backe und erklärt, dass sie mich „trotzdem“ möge. Ich weise verärgert fuchtelnd darauf hin, wo gerade meine Grenze liegt und sie eben deutlich überschritten wurde.
Demo bewegt sich danach noch ewig nicht weiter. Ich bereue kurz darauf, keine Wechselkleidung mitgenommen zu haben. Fand aber die Perspektive beruhigend, dass es zur Not extra eingerichtete Schutzräume in der Nähe gegeben hätte.
Meine Bezugsgruppe dachte, ich hätte die Person gekannt. […]

Bei Wigstöckel (Berlin) im SO 36 vor ein paar Wochen im Backstage-Bereich im Aufenthaltsraum kommt ein_e Performer_In im Kostüm von hinten an und fährt mit einem stabähnlichem Gegenstand mein Bein an der Innenseite ein Stück hoch. Sollte wohl lustig anzüglich sein.
Ich konnte die Person leider nicht durch ihr Kostüm direkt ansehen. Meine Reaktion war eher so überrumpelt „ähhhhhhh!!!!????“
Von den mit bekannten und vertrauten Personen, die im Raum waren, weiß ich gar nicht, ob und wie diese Situation wahrgenommen wurde. […]

[Hier schonmal der Randverweis, weil eine frische Erkenntnis von mir: Awareness-Konzepte sollten wirklich auch für Backstage-Bereiche mitgedacht werden!]

Und schließlich letztes Wochenende auf der LSF-Soli-Party im Fundbureau (HH):
Noch während des Sookee-Konzerts (hach!) mit Mackern geschimpft und aufgepustet vor Empowerment einen Zentimeter übern Boden schwebend, wurde ich von einem Typen in bekannt-koketter Art wieder auf den bierversifften und scherbenreichen Boden der Party-Realität zurückgeholt:
Wieder kam der Typ einfach aus meinem Sicht-Off an und fährt mir mit ausgestrecktem Finger über meine rechte Schläfe (In mein Gesicht!), auf der sich Glitzer befand, um davon etwas auf seinem Finger zu haben. Kurze süffisante Performance seinerseits folgte. Ich lächel ihn verwirrt an. […]
Die Situation ist beendet. Irgendwie. Und ich bin verletzt und fassungslos, denn…schon wieder!…verdammt! Ich bin es so leid!

Ich hab mal ein paar Gemeinsamkeiten der Situationen gesammelt. Vielleicht hilft es ja anderen und Zeug_Innen ähnliche Situationen einzuordnen oder kritischer einzuschätzen:

Es sind Personen, die aus ähnlichen Gründen wie ich an diesem Ort waren.

Sie starten ihre Aktionen immer(!) aus dem Off-Bereich meines Sicht-/Wahrnehmungsfeldes.

Ich hatte meistens keinen Blickkontakt oder auch nur irgendeine Interaktion vorher mit diesen (mir fast immer unbekannten) Personen.

Ich nehme sie oft als betrunken wahr.

Solche Aktionen werden vom eigenen Umfeld immer als viel harmloser wahrgenommen oder als vertrautes Interagieren fehlinterpretiert.

Die Personen verbleiben immer mit mir im Raum…und ich mit ihnen. Bei mir teils aus Trotz (ich will mich nicht vertreiben lassen), teils aus Schock.

Immer waren Bezugspersonen, sowie weitere Menschen anwesend.

Keine der übergriffigen Personen hat sich danach dafür entschuldigt.


Nun noch etwas weiter verallgemeinert (bewusst verkürzt formuliert):

Übergriffe finden nicht nur in beklemmenden Zweiersituationen statt – AUCH in der Öffentlichkeit – AUCH in Schutzräumen – AUCH in Anwesenheit von Liebsten und Freund_inn_en.

Schwule Kultur und schwule Räume scheinen sowohl durch fehlende Auseinandersetzung mit Sexismus, als auch mit Konsens und individuellen Grenzen zu glänzen.

Queer scheint als Grundkonsens missverstanden zu werden, durch das ironisch-anzügliche Aktionen (auch ohne Konsens) legitimiert werden.

Zurück zum Anfang und immer wieder von vorne:

Solche Erlebnisse sind für mich als Überlebende von Gewalt ne heftige Sache, mit der ich häufig erstmal alleine dealen kann, weil das innere Chaos und/oder der Schock so schlecht zu der Umgebung und der Stimmung des jeweiligen Raumes passen. Oder weil es lange dauert, bis Gefühle und Verstand klarbekommen haben, was da gerade passiert ist.

Ende. Keine Pointe(n). Keine Lösung(en). Nur wachsende Wut.

Und weil es so gut passt (Video): Sookee – Aua (Lyrics hier nachlesbar)