pussy riot: westliche empörung und soli-support

[Das hier ist ne Momentaufnahme, die mir zwischen einem ungelesenen Pussy-Riot-Interview und 1/3 mir noch nicht bekanntem Prozess-Abschluss-Statement wichtig geworden ist.]

Es steht die aufgeklärt freiheitsliebende westliche Empörung neben solidarischen Power-Support-Wünschen. Und während ich mir über das Umsetzen von Letzerem Gedanke mache, keimt die Frage auf „Hey, was geht denn da* eigentlich ab an Reaktionen und Berichten auf/über Pussy Riot?“ (*in den für mich verständlichen deutsch- und englischsprachigen Quellen).
Madonna brüllt: Amerika(sic!)! Land der Freiheit!
(Und viele Promies und Künstler_Innen werden sich gerade nervös fragen, ob sie jetzt auch mal supporten sollen)
An vielen Orten herrscht Betroffenheit: Ja schlimm! Die armen Mädchen! Diese russische Justiz, die von Staat und Kirche beeinflusst wird…

well…

Wo ist (m)ein solidarisches selbstkritisches Ein- und Zurückstehen von/als westlich Verortete(n)?
Denn:
Die drei Pussy Riot-Teile und deren Anwält_Innen und das Pussy Riot Kollektiv mit ihren Aktionen, sprechen für sich selbst und benennen, die für sie untragbaren Zustände im Politik-System Russlands. Wo und Wie wird das eigentlich zitiert?

Mein Start-Punkt:

Sie saßen schon längst in Haft. Seit Monaten.
Aber das wusste ich nicht. Aus Gründen.
Aus Ignoranz und Filtern, die zu gut funktionierten. An privilegierten Stellen.

Kurz vor Beginn der Gerichtsverhandlungen habe ich angefangen hinzusehen. Einfach nur aus meinem peinlich berührten Gewissen heraus, dass ich nichts (außer „irgendwas-mit-Feminist_Innen-in-politischer(?)-Gefangenschaft“) auf die Frage „Was ist denn „Pussy Riot“?“ antworten konnte, während vor meiner Nase gerade eine Support-Aktion startete.

Das ist jetzt zwei Wochen her und ich bin gefühlt mittendrin, Bilder und Videos anzusehen, Livestreams der Gerichtsverhandlung mit zu verfolgen, die Übersetzungshilfe Russisch-Deutsch schätzen zu lernen, die Mühen von @uebersetzer dankbar anzunehmen und auch aufgrund meiner Russisch-Unkenntnisse inhaltlich ne Weile nix zu verstehen…Eindrücke werden mehr und breiter. Fragen häufen sich.
Aber auch die Solidarität, der atemlose Respekt und Sympathie für die coolste und stärkste Marathon-Performance, die ich bisher mitverfolgen konnte, wird immer stärker.

Doch hier soll es vor allem um die Fragen gehen, denn sie sind der Beigeschmack, der mir auf der Zunge liegt und mich an den Wert erinnert, im Zweifel auch mal (solidarisch) den Mund zu halten.

Der Beigeschmack und die hochgezogenen Augenbrauen der letzten Tage gehen an den Westen. Der Westen (ein Konstrukt, dass sich nur durch Benennung eines Nicht-Westen/“Rest“ gewaltvoll am Leben erhalten kann) – von dem ich ein Teil bin – hat mal wieder sein Anderes** gefunden. Im **Osten. In **Russland. Mit drei **Frauen.

Deshalb nun eine Liste an Fragen, bei denen ich zwischen meinem individuellem (noch) Un_Wissen und westlicher Arroganz hin- und herpendel.

Und bitte: ich versuche selbst, Antworten auf meine Fragen zu finden (das hier ist also keine Aufforderung zum Erklärbär_Innen-Russisch/Russland-Chrashkurs). Falls aber jemand Orte für mögliche Antworten teilen möchte: gerne.

Es geht mir hier vor allem um Raum für Selbstbezeichnung(en) und dass ich ständig an den Punkt komme zu sagen: Keine Ahnung, ob das eine Selbstbezeichnung der einzelnen Personen oder ein Konsens des Pussy Riot-Kollektivs ist…oder eben: eine Fremdzuschreibung. Aufgrund der gerne mal grottigen Berichterstattung, zögere ich, deren Inhalte wiederzugeben.

Zunächst einmal die Namen der drei angeklagten Pussy Riot Teile.
Vor- und Nachnamen werden immer wieder unterschiedlich geschrieben und ich verspüre Nachholbedarf, das besser einschätzen zu können, was das für Gründe haben kann. Welche Schreibweise (mit lateinischen Buchstaben) ist respektvoll und passend für ein öffentliches Benennen? Das Gleiche gilt für die Aussprache.
Denn ich stelle mir vor, mein Name würde ständig anders geschrieben, je nach dem wie es gerade für eine andere Sprache, die nichts mit meinem Namen anfangen kann, leichter ist.
Und wie sieht das mit den verkürzten Vornamen (z.B. „Masha, Katja und Nadja“) aus? Sind es selbstverständliche/alltägliche Kurzformen ihrer Vornamen? Oder Namen, die eigentlich eine persönliche(re) Verbindung voraussetzen? Spielt Alter ne Rolle?

Und überhaupt: Geschlecht:
Personen, die zwischen 22 und 30 Jahre alt sind, als „Mädchen“ zu bezeichnen: oh please!
Ob sich die drei alle gleichermaßen als Frauen verorten?

Ist es leichter/harmloser Pussy Riot als „Musikerinnen“ oder „Punk-Band“ zu bezeichnen? Warum finde ich eigentlich „Künstler_Innen“ schon etwas passender? Warum nicht auch mal „Kunst-Aktivistinnen“ oder „feministische Performance-Aktivistinnen“? Und wie verortet sich Pussy Riot selbst? Warum wird so selten von Pussy Riot als Kollektiv gesprochen? Kollektiv als ein alternatives Sich-Organisieren von bspw. Widerstandsformen…nur mal so. Wäre es eine „autonome Widerstandszelle von Künstlern“, wenn es sich dabei um Typen gehandelt hätte?

Was für Charakter-Rollen nehmen die drei ein und welche werden ihnen zugeschrieben?

Was machen sie sonst noch (neben dem immer wiederholten „zwei von ihnen sind Mütter“…) so?
(Eine sei u.a. Programmierer_In.)
Alle drei befinden oder befanden sich in akademischer Ausbildung. Privilegierte Positionen also, die somit leichter auf Ressourcen Zugriff haben.

Ist Pussy Riot für den Westen etwas Attraktives, weil viel Vertrautes zu finden ist, was es [Paternalismus!] gegen den ungerechten Osten/Russland/Putin (alles eins! Da nimmt es der Westen nicht so genau.) zu verteidigen/schützen gilt?
(Die berühmten westlichen Werte, die traditionell auch tödlich in der Welt verteidigt werden..)

Wie offen und wohlgesonnen wären die westlichen Öffentlichkeiten (und damit auch ich),

- wenn es eine Gruppe mit russischem Namen wäre?
- wenn die Angeklagten nicht bestimmten Schönheitsidealen entsprechen würden?
- wenn sie sich nicht intelligent, gebildet und verständlich äußern könnten?
- wenn sie westliche Positionen („Europe has pissed herself“) kritisieren würden?

Ich bin misstrauisch an welchen Stellen ich mit meiner Solidaritätserklärungen in Statements einreihe, die DAAAAS was DAAAA in RUSSLAAAAND passiert, ganz SCHREEEECKLICH finden, weil es so etwas in IIIIIHREM Land ja nicht gebe. Gibt es aber. Nur werden sie nicht breit wahrgenommen. oder auch: schonmal ein Gerichtsverfahren mitbekommen, bei dem es um randständige gesellschaftliche Positionen und ihre Rechte ging?

Und was mach ich jetzt?
Während sich aus westlichen Perspektiven unhinterfragt empört wird, über die Zustände und Ungerechtigkeiten, kann ich versuchen zu Supporten ohne meinen Wahrnehmungen zuviel Definitionsmacht zu schenken.
Was mir schwer fällt, wenn mein bewegtes Herz gerne mehr romantisierend die Bewunderung für die drei Personen und das gesamte Kollektiv ausdrücken möchte.

Darum bleibt mir

SUPPORT & RESPECT:

FREE PUSSY RIOT!


8 Antworten auf “pussy riot: westliche empörung und soli-support”


  1. 1 Andres 11. August 2012 um 12:20 Uhr

    Es wäre in der Tat schön, wenn der Westen zunächst vor der eigenen Haustür kehren würde. In Deutschland ist es auch ein Straftatbestand, für das die Mädels einsitzen.

  2. 2 tutnurso 11. August 2012 um 12:53 Uhr

    @Andres: danke für den Hinweis.
    Ich hatte in meinem Text angedeutet, dass ich nichts davon halte, erwachsene Personen als Mädchen zu bezeichnen. Da zählt auch „Mädel(s)“ dazu. Dieser Begriff hat dazu in Deutschland noch eine besonders kritikwürdige Geschichte.
    Deshalb möchte ich das auch nicht hier in Kommentaren lesen müssen und werde das ab sofort anders moderieren.

  3. 3 kim 12. August 2012 um 11:44 Uhr

    und ist dir noch nicht in den sinn gekommen, dass es auch einigermaßen bezeichnend ist dass du – wie ein weiterer großteil der (deutschen) bevölkerung – sich einen scheissdreck dafür interessiert hat, was in russland passiert bis eben drei junge, wahrscheinlich irgendwie gutaussehende frauen im gefängnis gelandet sind? was ist mit all der repression, all den gefangenen, die seit jahren verfolgt, kriminalisiert, eingesperrt werden? wieso erst jetzt uns wieso gerade bei diesen drei frauen, für die die sogenannte „solidarität“ bis in die konservativsten boulevardmagazine reicht? ich finde, das ist eine weitaus relevantere frage, als die, ob der vorname richtig abgekürzt ist und ob die selbstbezeichnung der aktivistinnen „frau“, „punk“ oder „kunstschaffende“ sei. ich will damit nicht sagen, dass ich deine fragen nicht berechtigt finde und sicherlich ist die berichterstattung (vor allem die bezeichnung „mädchen“) abstoßend und bescheuert, trotzdem wundere ich mich oft, wieso eigentlich so selten über die zustände in russland insgesamt geprochen werden und der fokus eben ausschliesslich bei diesen dreien liegt. das nur kurz als anregung. viele grüße und alles gute, kim

  4. 4 kim 12. August 2012 um 12:16 Uhr

    noch ein nachtrag: was ich mich ausserdem auch oft frage ist, ob in diesem fall nicht das geschlecht auch deswegen eine große rolle spielt, weil frauen als aktivistinnen nicht wirklich ernst genommen werden. so dass es hier solidaritätsbekundungen gibt, weil es als „nicht so schlimm“ wahrgenommen wird, da frauen als täterinnen noch immer schwer „denkbar“ sind. was nicht heissen soll, dass ich es als schlimm empfinde, was passiert ist. dennoch denke ich, die drei haben zumindest gewusst haben können, was ihnen blüht, wenn sie diese aktion durchziehen. und ich glaube schon, dass es an vielen orten diese aktion als harmlos wahrgenommen wird, weil es eben „frauen“ waren und nicht weil die aktion ansich nicht so schlimm ist. (ich hoffe, ich hab mich jetzt verständlich ausdrücken können)

  5. 5 tutnurso 17. August 2012 um 11:06 Uhr

    hey kim,

    danke, für die zusätzlichen (nachvollziehbaren) Fragen!

    Eine Sache hat mich jetzt mehrere Tage grübeln lassen:

    Ja, es ist mir in den Sinn gekommen, dass es Gründe haben muss, warum ich auf einmal mehr von Aktivismus und politischer Situation in Russland mitbekomme. Das war auch mein Hauptanliegen, warum ich diesen Artikel geschrieben habe. Um die Selbstverständlichkeit zu hinterfragen, in der der Pussy Riot-Prozess verfolgt wird und Solidarisierungen stattfinden.

    Was ich aber betonen möchte, ist ein solidarisches Miteinander von verschiedenen Politikformen.
    Ich werde mich nicht erklären oder verteidigen für mein politisches Tun, sondern frage zurück:
    Warum soll es für mein politisches Selbstverständis (das du wahrscheinlich nicht kennst) wichtig sein, mich mit dem russischen Politik-System und den politischen Gefangenen darin auseinanderzusetzen. Warum Russland mehr als ein anderes Land in der Welt? Warum Russland mehr als Deutschland? Das Land, dass mich als seine Bürgerin zählt?

    Ich finde verschiedene Politikformen, die es gibt, wichtig und finde es gut, wenn sie sich für solidarische Momente überschneiden und ansonsten auch nebeneinander her existieren können.

    solidarische grüßchen

  6. 6 Sebastian 20. August 2012 um 11:55 Uhr

    In Deutschland gibt es genug politische Gefangene die für weitaus weniger viel länbger einsitzen.

    Im Übrigen gibts bei uns auch Knast (3 Jahre) wenn man Religionen auf diese Art beleidigen würde…wissen viele nur nicht.

  7. 7 kim 21. August 2012 um 15:54 Uhr

    hi tutnuso,

    vielen dank für deine antwort. ich habe mich möglicherweise missverständlich ausgedrückt. es geht mir nicht um die frage „wieso engagierst du dich hier und nicht bei etwas anderem, was voll wichtig ist“, sondern dass ich es als ein bemerkenswertes phänomen wahrnehme – nicht nur in deinem blog – dass die drei ladys von pussy riot auf einmal so im rampenlich stehen, während all die anderen kritischen/widerständigen aktionen, die es ja nun seit einiger zeit in russland gibt, in den medien hierzulande eher spärlich erwähnt werden.
    und ich denke, es birgt die gefahr, sich eben auf diese drei zu fokussieren und einen eventuellen freispruch als erfolg zu werten und dann wieder zur tagesordnung überzugehen, während alles andere, was in russland abgeht dann wieder in vergessenheit gerät. oder eben sich weiterhin auf die solidarität mit pussy riot konzentriert wird, ohne dass es eine breitere kritik an putins kritik und anderen staatlichen maßnahmen in russland gibt. deswegen halte ich es zumindest teils für kritisierenswert bis gefährlich sich für pussy riot zu engagieren, auch wenn ich es im grunde richtig finde. ich hoffe, ich habe mich diesmal verständlicher ausgedrückt.

    viele grüße,
    kim

    p.s.: ach und zu sebastian: natürlich gibt es auch in d-land den straftatbestand „störung der ausübung von religiöser praxis“ oder so, aber dennoch ist es doch nicht zu vergleichen, davon ab ist es doch fraglich ob eine höchststrafe (die in diesem falle glaub ich tatsächlich bei drei jahren liegt) auch wirklich so verhängt wird und selbst wenn es so wäre, dass es in d-land die gleiche strafe gäbe, dann heisst es doch noch lange nicht, dass es deswegen richtig oder weniger schlimm ist?! welche art von strafe es für so etwas geben kann, wird sich ja evtl jetzt nach der aktion in köln zeigen.

  1. 1 Verlinkt • Denkwerkstatt Pingback am 11. August 2012 um 11:23 Uhr
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