Archiv für August 2012

pussy riot: westliche empörung und soli-support

[Das hier ist ne Momentaufnahme, die mir zwischen einem ungelesenen Pussy-Riot-Interview und 1/3 mir noch nicht bekanntem Prozess-Abschluss-Statement wichtig geworden ist.]

Es steht die aufgeklärt freiheitsliebende westliche Empörung neben solidarischen Power-Support-Wünschen. Und während ich mir über das Umsetzen von Letzerem Gedanke mache, keimt die Frage auf „Hey, was geht denn da* eigentlich ab an Reaktionen und Berichten auf/über Pussy Riot?“ (*in den für mich verständlichen deutsch- und englischsprachigen Quellen).
Madonna brüllt: Amerika(sic!)! Land der Freiheit!
(Und viele Promies und Künstler_Innen werden sich gerade nervös fragen, ob sie jetzt auch mal supporten sollen)
An vielen Orten herrscht Betroffenheit: Ja schlimm! Die armen Mädchen! Diese russische Justiz, die von Staat und Kirche beeinflusst wird…

well…

Wo ist (m)ein solidarisches selbstkritisches Ein- und Zurückstehen von/als westlich Verortete(n)?
Denn:
Die drei Pussy Riot-Teile und deren Anwält_Innen und das Pussy Riot Kollektiv mit ihren Aktionen, sprechen für sich selbst und benennen, die für sie untragbaren Zustände im Politik-System Russlands. Wo und Wie wird das eigentlich zitiert?

Mein Start-Punkt:

Sie saßen schon längst in Haft. Seit Monaten.
Aber das wusste ich nicht. Aus Gründen.
Aus Ignoranz und Filtern, die zu gut funktionierten. An privilegierten Stellen.

Kurz vor Beginn der Gerichtsverhandlungen habe ich angefangen hinzusehen. Einfach nur aus meinem peinlich berührten Gewissen heraus, dass ich nichts (außer „irgendwas-mit-Feminist_Innen-in-politischer(?)-Gefangenschaft“) auf die Frage „Was ist denn „Pussy Riot“?“ antworten konnte, während vor meiner Nase gerade eine Support-Aktion startete.

Das ist jetzt zwei Wochen her und ich bin gefühlt mittendrin, Bilder und Videos anzusehen, Livestreams der Gerichtsverhandlung mit zu verfolgen, die Übersetzungshilfe Russisch-Deutsch schätzen zu lernen, die Mühen von @uebersetzer dankbar anzunehmen und auch aufgrund meiner Russisch-Unkenntnisse inhaltlich ne Weile nix zu verstehen…Eindrücke werden mehr und breiter. Fragen häufen sich.
Aber auch die Solidarität, der atemlose Respekt und Sympathie für die coolste und stärkste Marathon-Performance, die ich bisher mitverfolgen konnte, wird immer stärker.

Doch hier soll es vor allem um die Fragen gehen, denn sie sind der Beigeschmack, der mir auf der Zunge liegt und mich an den Wert erinnert, im Zweifel auch mal (solidarisch) den Mund zu halten.

Der Beigeschmack und die hochgezogenen Augenbrauen der letzten Tage gehen an den Westen. Der Westen (ein Konstrukt, dass sich nur durch Benennung eines Nicht-Westen/“Rest“ gewaltvoll am Leben erhalten kann) – von dem ich ein Teil bin – hat mal wieder sein Anderes** gefunden. Im **Osten. In **Russland. Mit drei **Frauen.

Deshalb nun eine Liste an Fragen, bei denen ich zwischen meinem individuellem (noch) Un_Wissen und westlicher Arroganz hin- und herpendel.

Und bitte: ich versuche selbst, Antworten auf meine Fragen zu finden (das hier ist also keine Aufforderung zum Erklärbär_Innen-Russisch/Russland-Chrashkurs). Falls aber jemand Orte für mögliche Antworten teilen möchte: gerne.

Es geht mir hier vor allem um Raum für Selbstbezeichnung(en) und dass ich ständig an den Punkt komme zu sagen: Keine Ahnung, ob das eine Selbstbezeichnung der einzelnen Personen oder ein Konsens des Pussy Riot-Kollektivs ist…oder eben: eine Fremdzuschreibung. Aufgrund der gerne mal grottigen Berichterstattung, zögere ich, deren Inhalte wiederzugeben.

Zunächst einmal die Namen der drei angeklagten Pussy Riot Teile.
Vor- und Nachnamen werden immer wieder unterschiedlich geschrieben und ich verspüre Nachholbedarf, das besser einschätzen zu können, was das für Gründe haben kann. Welche Schreibweise (mit lateinischen Buchstaben) ist respektvoll und passend für ein öffentliches Benennen? Das Gleiche gilt für die Aussprache.
Denn ich stelle mir vor, mein Name würde ständig anders geschrieben, je nach dem wie es gerade für eine andere Sprache, die nichts mit meinem Namen anfangen kann, leichter ist.
Und wie sieht das mit den verkürzten Vornamen (z.B. „Masha, Katja und Nadja“) aus? Sind es selbstverständliche/alltägliche Kurzformen ihrer Vornamen? Oder Namen, die eigentlich eine persönliche(re) Verbindung voraussetzen? Spielt Alter ne Rolle?

Und überhaupt: Geschlecht:
Personen, die zwischen 22 und 30 Jahre alt sind, als „Mädchen“ zu bezeichnen: oh please!
Ob sich die drei alle gleichermaßen als Frauen verorten?

Ist es leichter/harmloser Pussy Riot als „Musikerinnen“ oder „Punk-Band“ zu bezeichnen? Warum finde ich eigentlich „Künstler_Innen“ schon etwas passender? Warum nicht auch mal „Kunst-Aktivistinnen“ oder „feministische Performance-Aktivistinnen“? Und wie verortet sich Pussy Riot selbst? Warum wird so selten von Pussy Riot als Kollektiv gesprochen? Kollektiv als ein alternatives Sich-Organisieren von bspw. Widerstandsformen…nur mal so. Wäre es eine „autonome Widerstandszelle von Künstlern“, wenn es sich dabei um Typen gehandelt hätte?

Was für Charakter-Rollen nehmen die drei ein und welche werden ihnen zugeschrieben?

Was machen sie sonst noch (neben dem immer wiederholten „zwei von ihnen sind Mütter“…) so?
(Eine sei u.a. Programmierer_In.)
Alle drei befinden oder befanden sich in akademischer Ausbildung. Privilegierte Positionen also, die somit leichter auf Ressourcen Zugriff haben.

Ist Pussy Riot für den Westen etwas Attraktives, weil viel Vertrautes zu finden ist, was es [Paternalismus!] gegen den ungerechten Osten/Russland/Putin (alles eins! Da nimmt es der Westen nicht so genau.) zu verteidigen/schützen gilt?
(Die berühmten westlichen Werte, die traditionell auch tödlich in der Welt verteidigt werden..)

Wie offen und wohlgesonnen wären die westlichen Öffentlichkeiten (und damit auch ich),

- wenn es eine Gruppe mit russischem Namen wäre?
- wenn die Angeklagten nicht bestimmten Schönheitsidealen entsprechen würden?
- wenn sie sich nicht intelligent, gebildet und verständlich äußern könnten?
- wenn sie westliche Positionen („Europe has pissed herself“) kritisieren würden?

Ich bin misstrauisch an welchen Stellen ich mit meiner Solidaritätserklärungen in Statements einreihe, die DAAAAS was DAAAA in RUSSLAAAAND passiert, ganz SCHREEEECKLICH finden, weil es so etwas in IIIIIHREM Land ja nicht gebe. Gibt es aber. Nur werden sie nicht breit wahrgenommen. oder auch: schonmal ein Gerichtsverfahren mitbekommen, bei dem es um randständige gesellschaftliche Positionen und ihre Rechte ging?

Und was mach ich jetzt?
Während sich aus westlichen Perspektiven unhinterfragt empört wird, über die Zustände und Ungerechtigkeiten, kann ich versuchen zu Supporten ohne meinen Wahrnehmungen zuviel Definitionsmacht zu schenken.
Was mir schwer fällt, wenn mein bewegtes Herz gerne mehr romantisierend die Bewunderung für die drei Personen und das gesamte Kollektiv ausdrücken möchte.

Darum bleibt mir

SUPPORT & RESPECT:

FREE PUSSY RIOT!