Archiv für Dezember 2009

menscheln 2.0

Hallo,

Ich bin ein Troll. Ich habe viele Namen z.B. Femi-Nazi, Vaginatroll, frustrierte Lesbe, Tittensozialistin, u.v.m.

Diese Namen entstehen, wenn ich in den Weiten von Blogosphäre und Netzwelt auf Texte wie Artikel, Bilder, Podcasts, Werbung und Filme stoße und darin Ausschlüsse, Stereotype und Abwertungen finde. Dann passiert etwas mit mir: ich rege mich auf. Das kann daran liegen, dass Stellen berührt werden, die meine eigene Identität angehen. Das kann aber genauso auch auf einer solidarischen Ebene passieren, da ich an Stellen privilegiert genug bin, mir eigentlich darüber keine Gedanken machen zu müssen. Die Aufregung ändert sich dadurch aber nicht.
Als nächstes überlege ich, was mich daran eigentlich aufregt und welche gesellschaftlichen Strukturen (z.B. Sexismus, Rassismus, Homphobie, Transphobie, Bodism) und Normen in diesen Produktionen aufblitzen.

Wir halten fest: ich rege mich immer noch auf.

Dann gehe ich damit an den Ort der aufregenden Produktion – der Netzöffentlichkeit – und schreibe einen Kommentar. Oder ich schreibe einen Artikel in den Netz-Räumen, die ich selbst geschaffen habe oder mitgestalte. Das ist eigentlich egal. Zumindest für meine Namen.
Der Kommentar wird gelegentlich nicht veröffentlicht bzw. freigeschaltet. Ups! Scheiße! Aber naja stimmt schon, ich habe über meine Aufregung den guten Ton der Vernunft, der ja sonst überall zu finden ist, vernachlässigt. Schon okay. Hätte meinen Kommentar selbst wahrscheinlich ebenso behandelt. Nur zu sagen, dass etwas (*setzte Beliebiges ein*)-istisch ist, mag dann doch etwas zu knapp sein. Ist aber auch egal. Denn der Kommentar wurde ja schließlich doch zumindest von einer moderierenden Person gelesen und meine Mission ist erfüllt. Zack! Das hat gesessen! Persönlicher Angriff auf die/den Autor_In wurde wahrgenommen.
Und ich so: yeah! Super-Troll strikes again!

Was bleibt mir noch? Ach ja! Meine Troll-Freund_Innen aktivieren und Hass-Attacken initiieren! Ist ja schnell gemacht: ein kleiner Artikel hier, ein schneller Tweet dort und auch noch ein bisschen die Soup gewürzt. Das läuft ja mal wieder rund! Aufregung trotzdem noch da…hm komisch…manchmal brauchen aber ja Erfolgsgefühle ein wenig Zeit, bis man sie ganz genießen kann.

Noch einige Angaben zu mir: ich bin humorlos, verstehe eigentlich nie den Witz. Generell versteh ich sehr wenig. Dogmatisch, emotional, frustriert und von gestern bin ich auch noch.

Zum Glück gibt es hilfreiche Menschen, die sich meiner annehmen und mir mal erklären, wie das Ganze eigentlich wirklich gemeint war und zu verstehen ist. Und sie erinnern mich vor allem an eine Sache: Dass hinter den Produktionen, die mich so aufregen reale Menschen stecken, mit Gefühlen und vor allem mit ganz viel Humor (so viel Humor, dass sie vor lauter Augenzwinkern nichts mehr sehen können). Mist! Vor lauter Aufregung wieder das Menschliche vergessen. Bin ich ja ganz einsichtig.
Mal kurz nachspüren: Aufregung noch nicht verschwunden.

Wie gut, dass es noch andere gibt, die sich vernünftig ausdrücken können. Die_Der Angegriffene/Beschuldigte/Angeprangerte zum Beispiel. Das läuft ja wie geschmiert. Da brauch ich nur mal „-istisch“ in Bezug auf eine konkreten Text(teil) schreiben und schon wird bereitwillig das T-Shirt übergestreift, auf dem bspw. „Sexist“ steht. Komisch! Ach, das soll ich behauptet haben? Nee, eigentlich nicht, aber vielleicht versteh ich da einfach mal wieder was nicht.

Das Schauspiel erweitert sich.

Betroffene Person (je nach Selbstbild eines aufgeklärten Menschen auch schon ganz aufgeregt) zieht zur Legitimation Alibi-Frauen/-Schwarze/-Schwule/-Türken/-Lesben/-… hinzu, die durch Anwesenheit im sozialen Umfeld dieser Person wirken, oder sich sogar positiv zum Gegenstand der Kritik äußern. Auch On/Offline Befreundete oder Solidarisierende melden sich zu Wort und treten für die Korrektheit dieser Person ein und finden es auch voll unfair, was gerade mit der betroffenen Person gemacht wird.

Menschliche Nächstenliebe schwappt mir durch den Bildschirm entgegen und ich bin ganz…aufgeregt!
Währenddessen sind meine Troll-Freund_Innen und ich immer wieder am miteinander diskutieren, Texte/Textchen schreiben und an den Orten des Geschehens im Netz zu diskutieren. Manchmal sogar mit den Betroffenen außerhalb der Netz-Öffentlichkeit. So ganz menschlich eben. Was die Ausdauer halt so zulässt.
Aber ein Ende ist absehbar! Von Erschöpfung und Unverständnis geplagt, wird sich – nicht ohne schnippische Kommentare – aus der unmenschlichen Welt der *hier beliebigen Namen aus ersten Satz dieses Textes einfügen* zurückgezogen. Man wollte doch sogar mit mir und meinen Freund_Innen auf unseren Netz-Parties (Blogs, Podcasts) reden. Das wurde ignoriert oder dankend abgelehnt. Letzte Chance eines menschlichen Miteinanders verspielt.

Und dann?

Meistens: Stille. Das Netz ist ja zum Glück so schnelllebig. Blogposts verschwinden auf Archivseiten und dann ist wieder Platz in der ganzen Blogosphäre für vernünftiges Miteinander-Menscheln.
Der GANZEN Blogosphäre?

[Achtung! Dies ist vielleicht Satire, vielleicht aber auch nicht.]

Disclaimer:
Ich stelle hier Beobachtungen und Erfahrungen dar, die ich in den vergangen Tagen, Wochen, Monaten und Jahren an Orten im Netz wie taz.de, nrrrdz-Podcast, genderblog, mädchenblog gesammelt habe. Ich habe sowohl schon selbst trollige Kommentare geschrieben, als auch mit Trollen diskutiert (gefüttert), und mitverfolgt wie viele aus einem queer-/feministischen Netzumfeld sich mit sehr großem Aufwand bemüht haben, ruhige und differenzierte Texte und Kommentare zu verfassen, um darauf Ignoranz und Kritikunfähigkeit zu ernten. Das ist zermürbend.

Dadurch ist aber auch eine Sensibilität/Wachheit für Argumentationsstrategien erwachsen, mit der ich auf zukünftige Diskussionen, sowohl im Netz, als auch an anderen Orten (denn es gibt viele Ähnlichkeiten und Wiederholungen) blicken kann. Danach richten sich dann mögliche Reaktionen von mir. Meine Aufregung ändert sich jedoch dadurch nicht. Und mein Respekt gilt allen, die versuchen mit ihrer Aufregung produktiv und sichtbar zu werden, und damit etwas schaffen, zu dem ich im ersten Augenblick nicht immer fähig bin (und lieber eine Runde Glitzer kotz).

Das „Ich“ im Haupt-Text verstehe ich als kollektiv und die gespiegelte Wahrnehmung von kritikäußernden Positionen (aus meiner überwiegend aus queer-/feministischen Räumen bestehenden Erfahrungswelt).